Es gibt Orte, an denen sich die großen Widersprüche unserer Zeit mit bemerkenswert nüchterner Konsequenz materialisieren. Die Mensa der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) auf dem Kaiserslauterer Campus ist so ein Ort. Hier, zwischen Pfannengyros und orientalischem Chili aus veganem Hack, zwischen dem Schnitzel als kulinarischem Platzhirsch und der Bowl als Insignie eines durchdachten Lebensentwurfs, verdichtet sich täglich jener Konflikt, den die intellektuelle Seele der Westpfalz seit Jahren mit sich trägt: Wer bin ich – und wenn ja, was esse ich?
Punkt 11.30 Uhr öffnen sich die Drehkreuze. Die ersten Studierenden stehen bereits vorher Schlange. Christof Feith, Leiter der Hochschulgastronomie und seit 1990 Zeuge des gastronomischen Wandels auf dem Campus, kennt dieses Bild. Rund 1.800 Essen werden täglich ausgegeben, verantwortet von Mensaleiter Martin Spang und seinem Stellvertreter Lukas Wahl, gemeinsam mit einem Team aus gelernten Bäckern, Hauswirtschafterinnen und Hilfskräften. Das Studierendenwerk trägt die organisatorische Verantwortung; finanziert wird das Angebot über den semesterlichen Sozialbeitrag der Studierenden sowie einen Landeszuschuss – nur so lassen sich Mittagspreise zwischen 3,80 und 4,10 Euro für Studierende realisieren.
„Schnitzel ist der Renner“, sagt Feith – und in diesem Satz steckt mehr anthropologische Substanz, als zunächst ersichtlich. Denn während die Speisekarte sich den Anforderungen einer pluralen Gesellschaft angepasst hat, während Bowl-Konzepte, Proteinkomponenten und die Do-it-yourself-Mensa (Abrechnung nach Gewicht, natürlich) das Angebot diversifizieren, bleibt das panierte Fleischstück das stabilisierende Element. Es ist das gastronomische Äquivalent des Dubbeglas: bodenständig, verlässlich, von keiner Ideologie zu erschüttern.
Gleichzeitig – und hier offenbart sich die eigentliche Dramaturgie des Mittagstisches – wurde die RPTU-Mensa von der Tierschutzorganisation PETA kürzlich mit dem Gold-Status ausgezeichnet. Vergeben wird diese Distinktion nach einem Punktesystem an Mensen, die ein umfangreiches und gut sichtbares veganes Angebot vorhalten. In Kaiserslautern: täglich ein veganes Standardgericht, eine Tagessuppe. Ausgebaut werden soll die Auswahl an Bowls, Kaffeespezialitäten und proteinreichen Produkten. Das vegane Menü – „plant based“, wie es an der Universität mit der gepflegten Zurückhaltung akademischer Nomenklatur heißt – ist zudem das günstigste Angebot auf der Preisliste.
Wer nun glaubt, die epistemologische Tiefe der RPTU-Mensa sei mit Schnitzel und Bowl hinreichend ausgemessen, irrt. Seit März vergangenen Jahres steht in der Mensa ein Koch-Roboter eines Hamburger Start-ups – und Feith präsentiert ihn nicht ohne Stolz. Über ein Display lassen sich kalte und warme Gerichte auswählen, die dann frisch zubereitet werden: eine Bowl in einer Minute, gekochte oder gebratene Gerichte in drei bis fünf Minuten. Nach der Fertigstellung erkennt eine Kasse mittels Künstlicher Intelligenz, was gewählt wurde, und rechnet per Kreditkarte ab. Ein Drehkreuz markiert den Ausgang aus dem abgetrennten Bereich.
„Wir sind die einzige Universität in Deutschland, die so etwas hat“, sagt Feith. Regelmäßig kommen Besuchergruppen großer Unternehmen zur Besichtigung. Dass ausgerechnet in der Westpfalz – in jenem Biotop, das sich selbst gelegentlich als Silicon Woods begreift – ein KI-gesteuerter Küchenroboter seine Bowls assembliert, ist natürlich kein Zufall. Es ist Programm. „Das ist die Zukunft. Und der Computer passt ja auch gut in eine Technische Universität.“
Jenseits aller technologischen Avantgarde bleibt die Mensa einem Prinzip treu, das man andernorts gerne als „Nachhaltigkeit“ labelt und das hier schlicht gelebte Praxis ist. Die Hochschulgastronomie ist bio-zertifiziert; Komponenten wie Frikadellen bestehen aus reinem Bio-Fleisch. Mit regionalen Anbietern wird kooperiert – unter dem Motto „Meet the Maker“ stellten sich Landwirte und Bäcker auf dem Campus vor. Der Grundspeiseplan rotiert alle fünf bis sechs Wochen, das Angebot orientiert sich zunehmend an Proteinen statt Kohlenhydraten.
Auch die rund 40 Prozent ausländischen Studierenden finden im Angebot etwas nach ihrem Geschmack – und selbst der Universitätspräsident, so Feith, lasse sich hier regelmäßig blicken. Die Mensa als demokratischer Raum, als sozialer Kitt zwischen Erstsemester und Hochschulleitung, zwischen Schnitzel-Fraktion und Bowl-Avantgarde. Geöffnet ist die zentrale Mensa Montag bis Freitag von 11.30 bis 13.45 Uhr; ergänzt wird das Angebot durch eine Cafeteria (7 bis 15 Uhr) sowie den Ableger „Dein Abendbrot“ (15 bis 18.30 Uhr) direkt neben der Mensa.
Der Saal fasst 1.200 Sitzplätze. Geschlossen wird nur zwischen Weihnachten und Neujahr – sowie am Betriebsausflug. Was, wenn man so möchte, die humanistischste aller Policies ist. Juvenal wäre zufrieden.