Kaiserslautern (llp) – Ein internes Dokument des Protestantischen Kirchenbezirks Kaiserslautern, das der LauternLife-Redaktion exklusiv vorliegt, belegt eine durchschnittliche Auslastung der Stiftskirche bei Sonntagsgottesdiensten von elf Prozent. Die Stadtverwaltung hat daraufhin eine Taskforce unter dem Titel „Nachnutzungskonzept sakraler Liegenschaften“ eingesetzt. Deren erster Beschlussvorschlag liegt nun vor und ist, nach Einschätzung mehrerer befragter Experten, bemerkenswert.
Als Hauptnutzerin der Stiftskirche soll künftig die Gottesanbeterin eingesetzt werden. Die Fangschrecke, wissenschaftlich als Mantis religiosa klassifiziert, gilt in einschlägigen Fachkreisen als das andächtigste Tier Mitteleuropas. Sie verharrt stundenlang reglos in aufrecht betender Körperhaltung, verfolgt ihren Fokus mit absoluter Konzentration und zeigt keinerlei Reaktion auf eingehende Mobilfunknachrichten. Eigenschaften, die, so der Beschlussvorschlag wörtlich, „in der bisherigen Zielgruppe zunehmend schwerer zu beobachten sind“.
Der Pilotbetrieb unter dem Projekttitel „Sakraler Lebensraum“ soll vorerst montags bis donnerstags gelten. Samstags bleibt die Stiftskirche für Trauungen reserviert, da bei diesen Veranstaltungen, wie ein Sprecher der Taskforce auf Anfrage erläuterte, „die Anwesenheit von Tieren mit bekanntem Kannibalismus-Verhalten gegenüber dem jeweils engsten Lebenspartner juristisch noch nicht abschließend bewertet wurde“.
Der Hintergrund der Entwicklung ist real und, nach Einschätzung des Naturschutzbunds, eindeutig. Der NABU dokumentiert die Ausbreitung der Gottesanbeterin in Rheinland-Pfalz über ein landesweites Meldesystem. Im vergangenen Jahr verzeichnete das System 49 Eingaben. In diesem Jahr waren es bis Mitte August bereits 688 – ein Wert, der alle bisherigen Aufzeichnungen übertrifft. Die Fangschrecke liebt Wärme und profitiert vom Klimawandel. Weibchen erreichen eine Körperlänge von bis zu acht Zentimetern und sind durch ihre Grün- und Brauntöne hervorragend getarnt.
Dass die Art nun erstmals einen sakralen Innenraum als offiziellen Lebensraum zugewiesen bekommt, kommentierte eine Sprecherin der NABU-Regionalstelle auf Anfrage dieser Redaktion mit bemerkenswerter Sachlichkeit: „Das Tier ist absolut geräuschlos, stört keine anderen Besucher und entsorgt eigenständig überschüssige Insekten. Wir hätten nicht gedacht, dass die Kirche so pragmatisch reagiert.“
Auch aus dem Stadtrat gibt es Zustimmung. Fürchtegott Frömmling (CDU) äußerte sich gegenüber dieser Redaktion in einer schriftlichen Stellungnahme: „Wir wollten die Kirche nicht leerstehen lassen. Die Gottesanbeterinnen beten zumindest. Das ist mehr als bei mancher Gemeinderatssitzung.“ Frömmling sprach sich zudem dafür aus, die Tierart formal in die Gemeindeordnung aufzunehmen, schränkte jedoch ein, dass ein Stimmrecht aus pragmatischen Gründen ausgeschlossen bleibe. Die Gottesanbeterin habe, so der Stadtrat, die nachgewiesene Tendenz, ihren engsten Mitstreiter unmittelbar nach gemeinsamen Abstimmungsprozessen zu verspeisen, was „die Fraktionsarbeit erheblich erschweren würde“.
Sollte ein menschlicher Besucher der Stiftskirche während des Pilotbetriebs auf eine Gottesanbeterin treffen, empfiehlt der NABU folgendes Vorgehen: Ruhe bewahren. Die Tiere verfügen weder über einen Giftstachel noch über einen für den Menschen relevanten Biss. Im Zweifel das Tier auf ein Papier krabbeln lassen, nach draußen begleiten und an einem geschützten Ort aussetzen. Meldungen werden unter nabu-naturgucker.de entgegengenommen. Ein Sprecher der Taskforce ergänzte, dass Messbesucher, die versehentlich außerhalb der Pilotzeiten erscheinen, ebenfalls gemeldet werden könnten, „aber das ist dann eine andere Zuständigkeit“.